Kaum eine andere Region in Europa verfügt über einen solchen Reichtum an Sprachen wie die jütische Halbinsel, also der Übergangsbereich zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark. Neben den Hochsprachen Deutsch und Dänisch gibt es Niederdeutsch und Südjütisch (Sønderjysk) sowie zwischen Husum und Sylt entlang der Küste und vor allem auf den Inseln die westgermanische Sprache Friesisch. Diese Vielfalt war über viele Jahrhunderte kein Problem. „Zuhause auf dem Hof wurde Sønderjysk gesprochen, bei der Familie des Vaters Friesisch und auf dem Viehmarkt in Tondern wurde auf Niederdeutsch gehandelt“, erinnerte sich Emil Nolde (*1867-1956†) als Kind des Grenzlandes. Erst im 19. Jahrhundert waren es zunehmend nicht mehr Beruf, Herkunft, sozialer Stand, die bestimmten, was gesprochen wurde. Mit der Nationalisierung wurden die Hochsprachen vor allem im Herzogtum Schleswig den Menschen von oben aufgezwungen. Inzwischen hat der Kampf um den Erhalt der alten Sprachvielfalt begonnen. Ausgang ungewiss. 

Die Vielfalt wächst historisch

Das dem dänischen verwandte Sønderjysk war lange im Herzogtum Schleswig bis nach Süden auf einer Linie von Husum bis Eckernförde verbreitet. Ausnahme war in Nordfriesland Friesisch, das sich in zwei Wellen zum Festlands- und Inselfriesisch entwickelt hatte.

Mit dem erstarkten der Hanse (als Vereinigung Niederdeutscher Kaufleute) verbreitete sich auch von Süden aufsteigend Plattdeutsch. Erst war es die Handelssprache und dann auch Amts- und Kirchensprache. Niederdeutsch sind auch die meisten Dokumente, die uns bis zum 17. Jahrhundert überliefert sind. Erst dann verbreitet sich langsam Hochdeutsch. Es verdrängte zum Beispiel in Flensburg Plattdeutsch als Amtssprache. In den Werkstätten, auf den Schiffen und dem Markt wurde jedoch weiter Plattdeutsch gesprochen. Die Dienstboten und die Bauern, die mit ihren Erzeugnissen auf den Markt nach Flensburg kamen, sprachen Sønderjysk. 

Mit dem friesischen Erzählwettbewerb “Ferteel iinjsen” unterstützen NDR und Nordfriisk Instituut die Lust, weiter auf Friesisch zu schreiben

Sprachwechsel waren normal

Nicht nur der Übergang zum Plattdeutschen zeigt, dass Sprachwechsel normal waren. In der Gesamtstaatszeit stand über allem der dänische König als Landesherr. Was seine Landeskinder sprachen, war abhängig vom Beruf, der sozialen Stellung und ob jemand auf dem Land oder in der Stadt wohnte. Und die Sprachen wechselten. So wurde in den 1850er Jahren in der Landschaft Angeln Sønderjysk als Umgangssprache endgültig durch Plattdeutsch abgelöst. Die Ursachen waren vor allem sozialer und kultureller Natur. Seit Ende des 18. Jahrhunderts kamen die Bauern in Ostangeln zu Wohlstand. Immer mehr urbane Elemente prägten die ländliche Kultur. Sie stammten vor allem aus Holstein, dass als Beispiel für eine moderne und erfolgreiche Landwirtschaft im dänischen Gesamtstaat galt. Deutsch, respektive Plattdeutsch, waren die Sprache in Schleswig und Flensburg. Daran orientierten sich die Menschen in Angeln. Der Sprachwechsel ging in einem ungewöhnlichen Tempo von statten. Es war gleichzeitig auch ein Kulturwechsel, wie die an die Bauform der Güter angelehnten neuen Dreiseithöfe bewiesen. Sie lösten die schleswigschen einflügeligen Bauernhöfe (Hallenhäuser) ab. Der Sprachwechsel in Angeln wurde vor allem mit dem aufkeimenden Nationalgedanken nach der Erhebung zum Politikum. Und das sowohl von dänischer wie auch von deutscher Seite. Während sich in den Augen der Deutschen die überlegenere Sprachform durchgesetzt hatte, klagten die Dänen Deutsch sei eine „Schimmelhaut, die nur in verunreinigter Luft wächst“. Diese „Abnormität“ hätte die Menschen zu Verrätern an sich selbst gemacht. 

Von der “Kultur-” zur “Nationalperspektive”

Im deutschen wie auch im skandinavischen Raum galt mit dem Entstehen der neuen Nationalstaaten im 19. Jahrhundert stark der Grundsatz das Vaterland und Muttersprache eins sein sollten. Das führte nach der Niederschlagung der Erhebung 1851 dazu, dass der dänische Staat versuchte, die Bewohner von Angeln zu „redanisieren“. Dasselbe wiederholte sich nach der Niederlage Dänemarks 1864 und der Annexion der Herzogtümer durch Preußen mit umgekehrten Vorzeichen in Nordschleswig. Besonders in den vier Jahren des Regimes des Oberpräsidenten Ernst Matthias von Köller (*1841-1921†) nach 1897 erfolgte eine rigorose und auch brutale „Borussifizierung“. Sowohl diese als auch die „Danisierung“ nach 1851 führten jeweils kontraproduktiv zu Gegenbewegungen und stärkten erst das Deutsche und dann das Dänische. 

… in den Grenzkampf

Wenn im 19.Jahrhundert von Deutsch und Dänisch die Rede war, dann waren es volkssprachlich Plattdeutsch und Sønderjysk. Vor allem im Rahmen der „Germanisierungspolitik“ von etwa 1890 an änderte sich das. Übereifrige deutsche Beamte, die meist aus dem Süden kamen und kaum Ahnung von der Sprachsituation hatten, identifizierten Sønderjysk als Dänisch und verboten es in den Schulen. Auch während der Pausen sollten die Schüler nicht Sønderjysk reden. Dies, obwohl Plattdänisch auch die allgemeine Umgangssprache in der deutschen Volksgruppe war. Auch um die neue Grenze festzulegen, gab es Erhebungen, die feststellen sollten, was wo gesprochen wurde. Die Ergebnisse gaben die reale Situation zum Teil verzerrt wieder, weil Sønderjysk als „Dänisch“ gezählt wurde obwohl zum Beispiel viele Angehörige der sich als deutsch empfindenden Bevölkerung im Alltag Sønderjysk sprachen. Nach der Grenzabstimmung 1920 verschlechterten sich die Bedingungen für Sønderjysk auf beiden Seiten der Grenze. In Dänemark begann erneut eine Reeducation der Nordschleswiger zum „Hoch-“ also „Reichsdänischen“. Mit der Abstimmung waren im Norden einmal die deutsche und südlich der Grenze die dänische Minderheit entstanden. Auch die dänische Minderheit wollte Sønderjysk nicht offiziell anerkennen und es musste nun fleißig Reichsdänisch gelernt werden. Die Nationalisierung und der Grenzkampf haben auf der jütischen Halbinsel zu einer starken Verarmung der Sprachvielfalt geführt, stellt die Sprachforscherin Elin Fredsted fest. Als Folge verschwand südlich der Grenze Sønderjysk fast völlig. Noch bis 1900 war es auf der nordfriesischen Geest in Viöl die Alltagssprache und wurde dann durch Plattdeutsch verdrängt. Sønderjysk sprachen auch die Menschen in dem kleinen Dorf Osterby unmittelbar an der neuen Grenze; als die Grenze es 1920 von Dänemark trennte, wechselte die Sprache in dem Dorf zum Hochdeutschen. Für Sprachforscher ist eindeutig, dass Nationalisierung und Grenzkampf die Sprachenvielfalt im Norden erheblich reduziert haben.

Im Stehen reden wir Hochdeutsch …

„Im Stehen reden wir Hochdeutsch, im Sitzen Sønderjysk“, gestehen heute viele Angehörige der deutschen Minderheit in Süddänemark. Der plattdänische Dialekt wird inzwischen vor allem durch sie am Leben gehalten. Diese Praxis ist auch ein schönes Beispiel für über viele Jahrhunderte übliche Mehrsprachigkeit im Norden. Vor allem das Umfeld und der Anlass bestimmten, was gesprochen wurde. Insgesamt steht es inzwischen schlecht um Plattdeutsch, Plattdänisch und vor allem Friesisch. Die westgermanische Sprache mit Festlands- und Inselsprache ist in insgesamt zehn Dialektgruppen zersplittert.

Zumindest als Buchtitel taucht Sønderjysk noch auf

So sprechen der Föhrer und der Sylter zwar beide Inselfriesisch aber Fering und Sölring sind sehr unterschiedlich und das Verstehen nur mit Mühe möglich. Während mit Ausnahme von Sylt sich das Friesische als Inselsprache auf Föhr und Amrum noch gut hält, geht das Festlandsfriesisch kontinuierlich zurück. Das Nordfriisk Instituut in Bredstedt versucht, die Sprachen und die historischen wie kulturellen Eigenheiten Nordfrieslands zu bewahren.

Ein Comeback für Platt

Es ist noch keine 50 Jahre her, da wäre man auf Hochdeutsch zum Beispiel in Bredstedt und Umgebung verhungert. Doch nicht erst mit dem Zustrom der Flüchtlinge mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Niederdeutsch zunehmend verdrängt.

Mit Paul und Emma lernen ABC-Schützen wieder Plattdeutsch

Der Rückgang ist vor allem dadurch bedingt, dass Großeltern und Eltern Platt als nicht zukunftssicher eingestuft hatten und es ihren Kindern nicht weitergegeben haben. Inzwischen hat sich der gesellschaftliche Diskurs verändert. Einmal wird Mehrsprachigkeit als persönlicher Vorteil eingestuft und es gibt eine Rückbesinnung auf das Nahe, das Regionale. Vor diesem Hintergrund bietet das Land Schleswig-Holstein in immer mehr Kindergärten und Schulen Plattdeutsch an. Dahinter steht die Einsicht, das Niederdeutsch eine eigene Sprache ist und Menschen Fremdsprache lernen können – also auch Platt. Auch wenn aktuell einiges für das Niederdeutsche getan wird, bleibt die Frage, ob es gelingt, es wieder zu einer Volkssprache zu machen. 

Werner Junge (0123*)

Quellen: Helga Andresen, Elin Fredsted, Franz Januschek (Hg.), Regionale Sprachenvielfalt: Standardisierung – Didaktiserung – Ästhetisierung, 2020 Georg Olms, ISBN 13: 978-3487-159676; Peter Dragsbo, Sprache und Identität – der Sprachwechsel in Angeln 1800 bis 1850 aus kulturhistorischer Perspektive, in: Grenzfriedenshefte 1/2007, Flensburg Grenzfriedensbund; Recherche bei und Material von Prof. Dr. Elin Fredsted, Europauniversität Flensburg, Januar 2020 für: Werner Junge, Wie eine Grenze seit 1920 Sprachen verschwinden ließ, 23.02.2020, online auf ndr.de/SH  

https://www.ndr.de/geschichte/100_jahre_deutsch_daenische_grenze/Wie-eine-Grenze-seit-1920-Sprachen-verschwinden-liess,grenze440.html

Bildquellen: Ortsschild: Wikipedia; Ferteel iinjsen: NDR; Almanak: Sønderjysk Skoleferening; Titel Paul & Emma: Quickborn Verlag