Notgeld aus der Abstimmungszeit – die internationale Kommission war bedacht, dass sowohl die deutsche wie die dänische Flagge auftauchten und dazu die der Schutzmächte

Das Selbstbestimmungsrecht der Völker

Abstimmungsgebiet
Abstimmungsgebiet

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde im Versailler Vertrag (Artikel 109 -114) festgelegt, dass im deutsch-dänischen Grenzgebiet über die künftige nationale Zugehörigkeit abgestimmt werden sollte. Eine ähnliche Bestimmung hatte es bereits nach dem Sieg von Preußen über Österreich 1866 im Prager Frieden gegeben. Nachdem Preußen 1867 Schleswig und Holstein „annektiert“ und als Provinz einverleibt hatte (Annexion), wurde dieser Passus des Prager Friedens ignoriert. Dadurch wurde in den folgenden Jahrzehnten der Konflikt zwischen der dänischen und der deutschen Wohnbevölkerung im nördlichen Schleswig entscheidend mit verschärft. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson (*1856-1924†)  hatte schon vor dem Ende des Ersten Weltkrieges vorgeschlagen, Nationalitätenprobleme durch das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ – also durch Abstimmung – zu lösen. Im Frieden von Versailles wurde dieser Gedanke aufgenommen. Damit die Wahl nicht durch die Preußen zu Gunsten von Deutschland beeinflusst werden konnte, wurde eine internationale Kommission berufen. Für 144 Tage gab es zwischen Deutschland und Dänemark den Staat „Plebiszit Schleswig“ um eine unbeeinflusste Wahl zu gewährleisten. 

Wo verläuft die Grenze? 

Bevor 1920 abgestimmt wurde, entbrannte ein heftiger Streit um die Modalitäten der Abstimmung. Schleswig war ursprünglich in drei Gebiete aufgeteilt worden. Die südliche Zone III bis zur Eider wurde auf Betreiben Dänemarks gestrichen.  In Versailles setzte sich als Grenze die „Clausen Linie“ durch. Der dänische Historiker Hans-Victor Clausen (*1861-1937†) hatte 1891 eine Linie vorgeschlagen, die dem heutigen Grenzverlauf entspricht. Dabei richtete er sich nach Sprachbefragungen. Allerdings wertete er ältere Untersuchungen so aus, dass Familien, die neben Deutsch und Niederdeutsch auch Sønderjysk (Plattdänisch) sprachen, seiner Ansicht nach dänisch waren. Im Ergebnis teilte Clausen die historischen Kreise Tondern und Flensburg-Land und raubte damit sowohl im Westen wie auch im Osten den beiden zentralen Orten ihr Umland. Als Gegenentwurf galt die von Johannes Tiedje (*1879-1946†) entwickelte Linie. Tiedje war vom deutschen Aussenministerium in der Versailler Friedensdelegation als Sachverständiger für Nordschleswig eingesetzt. Seine Linie  lag weiter im Norden, war erheblich unregelmäßiger und länger als die  von Clausen. Sie sollte im Ergebnis dafür sorgen, dass nördlich und südlich der Grenze etwa gleich große Minderheiten entstehen. In Versailles setzt sich Tiedje jedoch nicht durch.

Wie wird wo und von wem gewählt?

Neben der Grenzlinie war nun die  Frage, welche Wahlverfahren angewendet würden. Dänemark setzte sich damit durch, dass in Nordschleswig en bloc abgestimmt wurde. Das hieß: alle Stimmen zwischen der Königsau im Norden und einer Linie von Flensburg nach Tondern wurden zusammen ausgezählt. Damit waren deutsch dominierte Dörfer und Städte vor allem nahe der Grenzlinie benachteiligt. Südlich davon wurde dagegen Stadt für Stadt und Gemeinde für Gemeinde abgestimmt. Von den 182.000 Wahlberechtigten waren rund  47.000 „Auswärtige“. Allgemein galt, dass jeder und jede  wahlberechtigt war, der beim Inkrafttreten des Versailler Vertrages das 20. Lebensjahr vollendet hatte und in den Zonen I oder II lebte. Dazu kamen alle, die im Abstimmungsgebiet geboren und dort vor dem 1. Januar 1900 ihren ersten Wohnsitz hatten. So wurden dänische „Auswärtige“ mit Schiffen nach Apenrade und Flensburg gebracht, deutsche Soldaten kamen per Bahn in Flensburg an und auf dem Bahnhof in Langenhorn jubelten Nordfriesen den zur Wahl Heimkehrenden zu. 

Auf ihrer Durchreise in Langenhorn werden die „Abstimmungsberechtigten“ im März 1920 begeistert empfangen

Pro Dänemark am 10. Februar 1920

Bei der Wahl in ganz Nordschleswig stimmten am 10.Februar 1920 74,9 Prozent für Dänemark. In 76 Gemeinden der Zone I wurde mit  6.735 gegen 5.658 Stimmen klar für einen Verbleib bei Deutschland gestimmt. Es handelte  sich bei diesen Gemeinden um einen zusammenhängenden Gürtel, der von Hoyer – dem deutschen Fährhafen nach Sylt – im Westen über Tondern, Apenrade bis nach Sonderburg am Alsen Sund reichte. Die Wahlergebnisse bestätigten damit die Tiedje-Linie. Die wurde deshalb nach der Wahl auch von deutscher Seite eingefordert, doch wurde in Versailles von der inzwischen zuständigen Botschafterkonferenz der Alliierten im Nachgang zu den Wahlen nichts mehr verändert. Bis Ende des Zweiten Weltkriegs sollte von deutscher Seite immer wieder die Forderung erhoben werden, die Grenze auf die Tiedje-Linie zu verlegen. 

Pro Deutschland am 14. März 1920 und die „Osterkrise“

Gut einen Monat später, am 14.3.1920, wurde in mittleren Teil Schleswig gemeindeweise abgestimmt. 80,2 Prozent votierten für Deutschland. In der Zone II stimmen 80,2 Prozent für Deutschland 19,8 Prozent für Dänemark. Im besonders hart umkämpften Flensburg entschieden sich 72,2 Prozent für Deutschland und  24,8 Prozent für Dänemark. Ein eindeutiges Ergebnis. Die dänischen Nationalisten waren enttäuscht zumal nur drei Gemeinden auf  der Insel Föhr (die bis 1864 königlich dänisch war) sich für Dänemark ausgesprochen haben. Die dänischen „Flensburger“ forderten nun die „Internationalisierung der Zone II“ unter Hoheit des gerade gegründeten Völkerbundes (analog zur Lösung für Danzig). Eine Delegation reiste nach Kopenhagen und wurde dort begeistert begrüsst und vom König Christian X. (*1870/1912-1947†) empfangen. Das war ein Affront gegen die Regierung des dänischen Ministerpräsidenten Carl Theodor Zahle (*1866-1946†). Seine Regierung wollte die Ergebnisse der Volksabstimmungen akzeptieren. Der König dagegen verlangte, Zahle solle auch den Anschluss Mittelschleswigs (also der Zone II) vorantreiben, um so das Wirtschaftszentrum Flensburg für Dänemark zu erhalten. Angesichts der klaren Ergebnisse weigerte sich Zahle. Nach einem Streit mit dem König trat er zurück. Der entließ darauf die Regierung und setzte eine konservative Interimsregierung ein. In Dänemark kam es zu Demonstrationen und fast zu einer Revolution. Da drohte, dass eine Republik ausgerufen werden könnte, lenkte Christian X. am 5. April 1920 in letzter Minute ein. Erst gab es eine Kompromissregierung, dann Neuwahlen. In die dänische Geschichte gingen diese Ereignisse als die „Osterkrise“ ein. Es war das letzte Mal, dass ein dänischer Monarch versucht hat, sich gegen das Parlament durchzusetzen.   

Die Fakten haben Bestand

Weder das von deutscher Seite lange Werben für die Tiedje-Linie und auch nicht die Reise der dänischgesinnten Flensburger nach Kopenhagen und auch deren Versuch am 29. März 1920 die internationale Kommission CIS (Kommission Internationale de Surveillance) als Regierung des Staates „Plebiscit Schleswig“ für eine Internationalisierung der Zone II zu gewinnen, hatten Erfolg. Die Ergebnisse der Abstimmungen von 10. Februar und vom 14. März 1920 bestimmen den heute noch gültigen Grenzverlauf zwischen Dänemark und Deutschland. Sie haben die Minderheiten geschaffen und waren ein gewaltiger Eingriff in die Strukturen. Das gilt besonders für Tondern, das einmal die „Hauptstadt“ der Friesen war und Flensburg, das große Teile seines Umlandes verloren hat. Aus Nordschleswig wurde das dänische Sønderjylland (also Südjütland). Siehe auch Kieler Erklärung und Bonn-Kopenhagener-Erklärungen. Direkte Folge der neuen Grenze war auch der Bau des Hindenburgdammes

Am 31. Mai 1920 legte die Botschafterkonferenz  der Alliierten den Grenzverlauf endgültig fest. Das wird am 15. Juni in Berlin und Kopenhagen notifiziert. Danach rücken die Französischen und britischen Soldaten ab. Die CIS hat ihre Arbeit gemacht und der Staat „Plebiscit Schleswig“ hörte auf zu bestehen. Dänemark erhält am 5. Juli 1920 rückwirkend zum  15. Juni die Souveränität über Nordschleswig. 

Als das 100-jährige Jubiläum der Grenzlandabstimmung 2020 begangen werden sollte, zeigt sich einmal in welchem Maße sich die deutsch-dänischen Beziehungen seit den Bonn-Kopenhagener-Erklärungen von 1955 normalisiert und verbessert haben. Auch wird der Umgang mit den Minderheiten nördlich und südlich der Grenze sowohl vom Königreich als auch der Bundesrepublik als Modellfall in Europa gerühmt. Doch wurde südlich der Grenze vor allem 100 Jahre Grenzfrieden gefeiert, während es in Dänemark die „Genforeningen“ also die Wiedervereinigung war.

-ju- (0901/0719/0921)

Quelle: Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt und Ortwin Pelc (Herausgeber), Schleswig-Holstein Lexikon, 2. erweiterte und verbesserte Auflage, 2006, Neumünster, Wachholtz-Verlag, ISBN 13: 9-783529-02441-2;Jan Schlürmann, 1920 – eine Grenze für den Frieden, 2019, Kiel/Hamburg, Wachholtz Verlag, ISBN 978-3-529-05036-7; Klaus Alberts, 1920 Volksabstimmung – Als Nordschleswig zu Dänemark kam, 2019, Heide, Boyens Buchverlag, ISBN  978-3-8042-15

Bildquellen: Vignette Karte Abstimmungsgebiet; Notgeld Broager: Sammlung Pletzing; Bahnhof Langenhorn: Kreisarchiv Nordfriesland