Ein Gemenge aus Ton mit darin fein verteiltem Kalk wird als „Mergel“ bezeichnet. Er ist in Schleswig-Holstein vor allem im östlichen Hügelland, unter den Sanderflächen und in den Altmoränen der hohen Geest im Westen des Landes (Naturräume) weit verbreitet. Im 18. Jahrhundert wurde erkannt, dass erschöpfte und entmineralisierte Ackerflächen sowie bis dahin unfruchtbare sandige und moorige Böden durch das Untermischen von Mergel in Kultur gebracht werden konnten. Mergel liefert die Stoffe, die den armen Böden der Geest fehlen: Pflanzen können wieder gedeihen, weil die feinen Tonteile das Wasser im Boden halten und der Kalk den Ph-Wert erhöht und damit in der Lage ist, Säure zu binden. Nach zögerlichem Anfang nahm das Mergeln bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts immer mehr Fahrt auf. Was mit Schaufel und Pferdefuhrwerk begonnen hatte, wurde bald im großen Stil mit Eimerbaggern und Feldahnen von Genossenschaften betrieben.

Ein Zufallsfund
Es passierte wohl um 1770 unabhängig in der Propstei und in Süderdithmarschen: Bauern verteilten beim Graben von Tränkstellen Mergel auf das umliegende Land. Dort wurde im kommenden Jahr ein deutlich höherer Ertrag erzielt. So begann das Mergeln vor gut 200 Jahren. In der Landschaft Angeln nahm der Gutsbesitzer Jacob Iversen (*1763-1831†) auf Schwensby-Hof die Idee auf und begann 1804 seine Ländereien zu mergeln. Seine Erfahrungen schrieb er auf und fand so immer mehr Nachahmer. Der Abbau des Mergels aus den offenen Gruben auf dem Hügelland sowie vor allem der Transport in die Heide- und Moorgebiete (Moor) waren allerdings zu dieser Zeit technisch und finanziell nicht möglich. Machbar wurde dies gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch dampfbetriebene Eimerbagger und Feldbahnen. Nun konnten große Flächen gemergelt werden. Weil allerdings einzelne Landwirte solche Großprojekte nicht umsetzten konnten, wurden die Kräfte in Mergelgenossenschaften gebündelt. Der preußische Staat unterstützte diese finanziell. Erst dadurch gelang es, Böden im großen Umfang zu verbessern (Melioration). Von 1894 bis 1914 wurden allein auf der schleswigschen Geest 100.000 Hektar „bemergelt“. Das brachte viele Jahre bessere Ernten. Doch dann ließ der Ertrag nach. Die Bodenverbesserung kam in Verruf. Es hieß: „Mergeln bringe reiche Väter und arme Söhne“. Warum das so war, fand der Agrikulturchemiker Justus von Liebing (*1803-1873†) nach 1840 heraus. Der Kalk im Merkel aktivierte die im Boden vorhandenen Nährstoffe. Waren diese aufgezehrt, mussten sie nachgeführt werden, also der damals neue „Kunstdünger“ eingesetzt werden. Dieser war im Zuge der Industrialisierung verfügbar und sorgte dafür, dass Nährstoffe in das Erdreich kamen, die reiche Ernten auch über eine lange Zeit ermöglichen.

Wie der Mergel entstand
Erdgeschichtlich ist das heutige Gebiet Schleswig-Holsteins zu über 80 Prozent reines Eiszeitland. Drei Eiszeiten sind nachweisbar. Jeder der mächtigen Vorstöße des Eises aus Skandinavien hinterließ im Boden Mergel. Am weitesten verbreitet ist der feste Geschiebemergel mit seinen beigemengten Steinen aller Größen. Er entstand aus eben dem Gesteinsschutt, den das Gletschereis mitschleppte und unter hohem Druck zermahlte und zerrieb. Seltener ist „Mergelton“. So bezeichnet man Mergel, der von Schmelzwasser ausgewaschen wurde und sich als feines Sediment in Stillwasserbereichen ablagerte. Die meisten oberflächennahen Vorkommen von Mergel in den Altmoränen der hohen Geest im Westen des Landes (und übrigens auch auf Helgoland) sind Überreste der vorletzten, der Saaleeiszeit. Die Gletscher der letzten, der Weichseleiszeit, bedeckten nur noch den Osten des Landes und schufen die Jungmoränen des heutigen Hügellandes. Erneut lagerte das Eis Schichten von Geschiebemergel fast flächendeckend ab. Im eisfreien Westen sorgte allerdings Erosion dafür, dass Kalk aus dem alten Mergel herausgelöst wurde und bis über zwei Meter mächtige reine Lehmschichten zurückblieben.
Spurensuche
In den Feldmarken auf den Altmoränen und im Hügelland finden sich noch heute die Reste zahlreicher Mergelgruben. Wo ein lokales Vorkommen von dichtem Mergel in der Erde liegt, erodiert der Boden weniger als in dessen Umfeld. So bilden sich im Laufe der Zeit Kuppen. Deshalb wurde dort auch besonders häufig nach dem Bodenverbesserer gesucht. Viele ehemalige Gruben liegen so – mit Wasser gefüllt und gesäumt von Bäumen – erhöht in der Landschaft. Auch wenn Toteislöcher und im zweiten Weltkrieg dann Bomben ähnliche Krater hinterließen, sind Mergelgruben leicht erkennbar: Weil der abgebaute Mergel über eine Rampe aus der Grube gefahren werden musste, haben sie meist ein Ufer, das besonders flach ist.
-ju- / Horst Weinhold (0304/0804/0113 /0721/0326*)
Quellen: Dr. Horst Weinhold, Dr. Sven Christensen, Landesamt für Natur und Umwelt, Flintbek; Professor Dr. Eckart Dege, Geographisches Institut CAU, Kiel; Fritz Scheffer, Lehrbuch der Bodenkunde, 15. Aufl., erweitert und neu bearb., Heidelberg 2002, Spektrum Verlag, ISBN 3-8274-1324-9; Carl Schott, Die Naturlandschaften Schleswig-Holsteins, in: Geschichte Schleswig-Holsteins“ Bd. 1, hg. von der GSHG, Neumünster 1956, Wachholtz Verlag, ISBN 3-529-05101-2; Jürgen H. Ibs/Björn Hansen/Olav Vollstedt, Historischer Atlas Schleswig-Holstein 1867-1945, hg. von der GSHG, Neumünster 2001, Wachholtz Verlag, ISBN 3-529-02446-5; Christian Degn/Uwe Muuß, Topographischer Atlas Schleswig-Holstein, hg. vom Landesvermessungsamt, 3. Aufl., Neumünster 1966, Wachholtz-Verlag; Horst Schübeler, Landwirtschaft in Schleswig-Holstein – Bilddokumente der Agrargeschichte Bd. I – Acker und Grünlandwirtschaft, 1993, Eigenverlag, ISBN 3-88242-109-6.
Bildquelle aus Horst Schübeler, Landwirtschaft in Schleswig-Holstein.