Elisabeth Haseloff als Pastorin von St. Matthäi in Lübeck

Die erste Pastorin

Elisabeth Haseloff (*1914-1974†) war die erste weibliche Pastorin im deutschen Protestantismus. Schon 1941 legte sie das zweite theologische Examen ab. Arbeiten durfte sie jedoch nur als Pfarrvikarin. Erst nachdem im Juli 1958 in der Bundesrepublik das Gesetz zur Gleichstellung von Mann und Frau in Kraft getreten war, wagte die eigenständige Evangelisch-Lutherische Kirche in Lübeck ein Kirchengesetz, das es ermöglichte, auch Frauen als Pastoren zu ordinieren. Elisabeth Haseloff wurde die erste evangelische Pastorin.

Vom Tiber an die Förde

In Rom als Tochter der Malerin Ada Haseloff-Preyer (*1878-1970†) und des Kunsthistorikers Arthur Haseloff (*1872-1955†) geboren, kam Elisabeth Haseloff nach dem Ersten Weltkrieg nach Kiel. Dort war sie glücklich und genoss das lebendige von vielen Gästen bereicherte Leben ihrer Familie in der Esmarchstraße. 1928 starb ihr geliebter jüngerer Bruder. Im gleichen Jahr kam sie in den Konfirmandenunterricht und erklärte mit 14 Jahren, sie wolle Theologie studieren. Das tat sie schließlich nach ihrem Abitur 1934 in Tübingen, Erlangen und ihrer Heimatstadt Kiel. Schon 1935 trat sie in die Bekennende Kirche ein. Als erste Frau in der schleswig-Holsteinischen Landeskirche legte sie 1939 das erste und 1941 das zweite theologische Examen ab. 1942 folgte ihre Dissertation in Münster zum Thema „Die Christologie der neutestamentlichen Abendmahlstexte“.

Als Vikarin in Büdelsdorf

Zwischen den beiden Examen ging es zum Lehrvikariat nach Neumünster, wo sie in der Krankenhaus-Seelsorge eingesetzt wurde. Prägender wurde für sie die Zeit bei Pastor Hans Wilhelm Treplin (*1884-1982†) in Hademarschen. Ebenfalls Mitglied der Bekennenden Kirche und Landpastor alten Schlages vertraute er der Vikarin. Obwohl sie eigentlich nur „Bibelstunden“ halten sollte, ließ er sie predigen. Im April 1941 wurde eine neue Prüfungsordnung erlassen, die es erlaubte, dass Frauen in den Gemeinden als Vikarin arbeiten durften. Sie wurde zusammen mit drei Männern geprüft. Auch sie bestanden, wurden aber gleich als Pastoren ordiniert. Vikarin Elisabeth Haseloff wurde am 1. September 1941 nach Rendsburg geschickt. Sie wurde im vakanten 3. Pfarrbezirk als Vertreterin eingesetzt. Ihr Vikariatsvater ordinierte sie am 28. September 1941 für die Gemeinde Büdelsdorf im Auftrag des Bruderates der Bekennenden Kirche, obwohl es dafür keine landeskirchliche Rechtsgrundlage gab. Zum ersten Mal, so Treplin, sei damit eine Theologin für den kirchlichen Dienst eingesegnet worden. Pfarrvikarin Haseloff predigte, taufte und beerdigte. In den Wirren des Zweiten Weltkrieges und dessen Ende baute sie in Büdelsdorf eine wachsende Gemeinde auf und arbeitete bis an den Rand der Erschöpfung.

Büdelsdorf wehrt sich

Noch vor Kriegsende beschloss das Landeskirchenamt die Befugnisse für Pfarrvikarinnen einzuschränken. Trauungen und Beerdigungen sollten nur noch von Pastoren vorgenommen werden. Auch Elisabeth Haseloff sollte ihre Gemeinde verlieren. Der Büdelsdorfer Kirchenvorstand protestierte und fuhr direkt zur Kirchenleitung. Diese lenkte ein. Die Vikarin durfte bleiben und bekam, entgegen der geltenden Bestimmungen, die vollen pastoralen Rechte. Elisabeth Haseloff war damit auch für die anderen Vikarinnen Vorbild und Anlaufstelle. 

Lübeck geht voran

Der Ruf der tüchtigen Vikarin von Büdelsdorf hatte sich verbreitet. 1957 galt es in Lübeck eine Frau zu finden, die den Stadtverband der Frauenhilfe leiten konnte. Die Wunschkandidatin: Elisabeth Haseloff. Es bleibt unklar, ob die Forderung von Elisabeth Haseloff kam oder aus der Lübecker Kirchenleitung: Im November 1957 wurde beschlossen, die Stelle für eine Vikarin für Frauenarbeit in eine Pfarrstelle umzuwandeln. Am 2. Juli 1958 verabschiedete die Synode einstimmig ein neues Kirchengesetz für Lübeck. Nun durften dort auch Frauen Pastor werden. Pfingsten 1959, am 17. Mai, wurde Elisabeth Haselhoff als erste Pastorin der Evangelischen Kirche in Deutschland eingesegnet, erhielt aber von ihrem Vikariatsvater Hans-Wilhelm Treplin nachträglich eine Ordinationsbestätigung. Zusätzlich zur Leitung der Landeskirchlichen Frauenarbeit bekam sie die Kirchengemeinde St. Matthäi übertragen.

Auf der Kanzel in Lübeck mit hanseatischer Krause

Evangelisches Zölibat

Elisabeth Haseloff machte sich mit ihrem großen Eifer an die neue Aufgabe. Sie setzte sich stark für die Fortbildung in der Frauenarbeit ein, von 1963 an gab es auf ihr Betreiben den „Evangelischen Frauentag“ und den Arbeitszweig „Frau und Beruf“. Vor Ort in Lübeck kümmerte sie sich um die Müttergenesung. Stark war auch ihr Engagement für die Gleichstellung der Frauen in der Kirche. Sie war Mitherausgeberin der Zeitschrift „Die Theologin“. 1963 verfasste sie mit anderen ein Gutachten, in dem gefordert wurde, Frauen als Pastorinnen mit den Männern gleichzustellen. Weibliche protestantische Geistliche durften ihr Amt nur bis zur Heirat ausüben. Damit bestand für Pastorinnen kirchenrechtlich das Zölibat. Solveig Webecke (*1936-2019†) sollte von 1965 an die zweite Theologenstelle für das Frauenwerk in Lübeck übernehmen. Weil sie verheiratet war, durfte Vikarin Webecke nicht Pastorin werden. Elisabeth Haseloff sah das nicht ein. Als 1968 wieder ein Frauentag anstand, ließ sie Plakate drucken, die auch die Ordination von Solveig Webecke als Pastorin ankündigten. Das tat sie bevor der Bischof zugestimmt hatte. Prof. Hans Joachim Thilo (*1914 – 2003 †) Pastor der Lübecker Marienkirche erinnerte sich, Schwester Elisabeth habe die Ordination in der Kirchleitungs-Sitzung mit Wut und Tränen durchgekämpft. Solveig Webecke wurde ordiniert, obwohl sie verheiratet war. Das offizielle Ende des Zölibats in Nordelbien erlebte Elisabeth Haseloff nicht mehr. Die erste Pastorin starb am 29. November 1974 in Hamburg in Folge eines Verkehrsunfalls mit nur 60 Jahren.

-ju- (0822*)

(Un)Sichtbar – Frauen in der SH Geschichte

…..ist der Titel einer Serie von 12 Lebensgeschichten mit denen die Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte zum 4. „Tag der Schleswig-Holsteinischen Geschichte“ mit diesem Thema am 2. September2023 im Schloss Reinbek führen wird. Die Großveranstaltung steht für alle historisch Interessierten im Land offen und wird vorrangig von der Arbeitsgemeinschaft Frauen der GSHG vorbereitet. Ansprechpartnerin ist die Historikerin und Schriftführerin der Gesellschaft Dr. Melanie Greinert. Alle Porträts werden zum 4. Tag der Schleswig-Holsteinischen Geschichte am 2. September auch im Tagungsband nachzulesen sein, der von „Schleswig-Holstein – der Kulturzeitschrift für den Norden“ frisch gedruckt in Reinbek vorliegen sollDie Serie startet hier mit Elisabeth Haseloff.

Quellen: Michaela Bräuninger, Haseloff, Elisabeth Agnes Augusta Margarethe Dr., * 30.6.1914 in Rom, † 29.11.1974 in Hamburg. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon Band 40, Hertzberg 2019, Sp. 439-443; Michaela Bräuninger, Die evangeliche Michaelisbrüderschaft und die Geschichte der Frauenordination – zwischen Innovation und Restauration, in: Quatember, Heft 3-2021/Macht (=https://quatember.org/quatember-text/3-macht/); Rainer Hering, Frauen auf der Kanzel, Kirchliche Zeitgeschichte (20. Jahrhundert), in: Hamburgische Kirchengeschichte in Aufsätzen, Teil 5, S. 105-153; Ruth Philippzik, Dr. Elisabeth Haseloff – die erste Pastorin der evangelischen Kirche Deutschlands, in: www.gender-ekd.de;

Fotos: privat