Nur einmal waren die Nordfriesen bisher ein Thema der Weltpolitik. In Genf tagte vom 15. Oktober 1925 an der Erste Europäische Nationalitätenkongress. Nicht eingeladen waren die Nordfriesen. Das sollte über Jahre nicht nur den Kongress beschäftigen, sondern international zur „friesischen Frage“ werden. In Nordfriesland spaltete es die Friesen und führte am 12. September 1926 zu den „Bohmstedter Richtlinien“. Der 1902 gegründete „Nordfriesische Verein für Heimatkunde und Heimatliebe“ bekannte sich darin zum Deutschtum. Entscheidend war der letzte, der fünfte Punkt: „Wir lehnen es ab, als nationale Minderheit betrachtet zu werden“. Die Friesen als nationale Minderheit zum Kongress einzuladen hatten unter anderem die dänische und die polnische Minderheit in Deutschland gefordert. Damit nahmen sie auch die Forderung des 1923 gegründeten „Friesisch-schleswigschen Vereines“ auf, dessen Vorsitzender Johannes Oldsen (*1894-1958†) dafür warb. Ihm wurde in der noch durch die Abstimmung von 1920 im Grenzland aufgeheizten Stimmung Nähe zu Dänemark nachgesagt. Mit den „Bohmstedter Richtlinien“ begann ein Jahrzehnte dauernder Streit, der die kleine Volksgruppe in „Teuto- und Danofriesen“ spaltete.
Der Flüsterer aus Nordschleswig

Den Nordfriesen den Status einer nationalen Minderheit zuzusprechen, wollte vor allem ein Mann in Dänemark verhindern. Es war der Pastor und Folketingsabgeordnete Johannes Schmidt-Wodder (*1869-1959†). Als Vertreter der deutschen Minderheit in Dänemark kämpfte er in den 1920er Jahren für eine Revision der Grenzlandabstimmung. Die – so nahm er an – könne nur gelingen, wenn auch südlich der neuen Grenze alle rein deutschgesinnt wären. Deshalb wollte er jegliche „Verquickung“ der friesischen Angelegenheiten mit einer (weiteren) nationalen Minderheit verhindern. Nach außen blieb der Nordschleswiger Schmidt-Wodder unsichtbar. Hinter den Kulissen zog er in Genf, Berlin und Nordfriesland kräftig die Fäden.
Ein Gehilfe aus Tating
Beim zweiten Nationalitätenkongress vom 25. bis 27. August 1926 waren die Friesen wieder Thema, aber immer noch nicht eingeladen. Johannes Oldsen hatte sich für den „Friesisch-schleswigschen Verein“ für ein „Alles oder Nichts“ entschieden. Der Nationalitätenkongress beschloss nun, die Frage an eine „Friesenkommission“ zu übertragen. Schmidt-Wodder wollte für deren Besuch im Norden gewappnet sein. In dem Tatinger Pastor Rudolf Muuß (*1892-1972†) fand er einen neuen Mitstreiter. Geleitet im Hintergrund von Schmidt-Wodder, steuerte Muuß nun alles im Nordfriesischen Verein und das damals noch ohne offizielle Funktion. Nach Vorschlägen von Schmidt-Wodder, eilig noch überarbeitet im Vorstand, lagen am 12. September 1926 die „Richtlinien“ bei der Hauptversammlung des Nordfriesischen Vereins in Bohmstedt vor.
Angst vor der eigenen Courage

Die Vorleute im Nordfriesischen Verein waren nicht begeistert. Muuß klagte, der Vorstand bestünde im Wesentlichen aus A-Politikern. Er habe, so schrieb er, seine liebe Not gehabt, wenigstens die „Bohmstedter Richtlinien“ durchzudrücken. Nur weil es nach der Satzung sein musste, seien sie überhaupt vorgelesen worden. Trotzdem handelte der Vorstand nach dem Beschluss prompt. Weil der „Friesisch-schleswigsche Verein“ an seinem Anliegen festhielt, wurde nun die wohl größte Unterschriftensammlung in der Geschichte Nordfrieslands gestartet. Es galt den fünf Punkten der Richtlinien zuzustimmen:
- Wir Nordfriesen sind deutschgesinnt.
- Wir fühlen uns mit Schleswig-Holstein und der deutschen Kultur seit Jahrhunderten verbunden.
- Im Rahmen dieser Kultur wollen wir unsere Stammesart wahren.
- Wir wünschen, daß unsere Sprache in Schule und Kirche im friesischen Sprachgebiet gepflegt wird.
- Wir lehnen es ab, als nationale Minderheit betrachtet zu werden
Nördlich von Husum im friesischen Sprachgebiet wurden von Tür zu Tür Unterschriften gesammelt. 13.357 kamen zusammen. Die Kosten für die Aktion wurden vom Oberpräsidenten der preußischen Provinz Schleswig-Holstein in Kiel getragen. Sowohl in Berlin wie auch in Genf hatten die Außenpolitiker der Weimarer Republik einiges unternommen, um die Anerkennung der Nordfriesen als nationale Minderheit zu verhindern. Das alles geschah vor dem Hintergrund, dass man hoffte, die Grenze wieder nach Norden schieben zu können. Der Kongress lehnte nun die Aufnahme der Nordfriesen als nationale Minderheit ab, weil die „erforderlichen kollektiven kulturellen Lebensäußerungen dauernder Art sich in dieser Gruppe derzeit nicht feststellen ließen“.
Kurzes Gastspiel mit langen Folgen
Die vor allem vom Pastorenduo Schmidt-Wodder und Muuß initiierten „Bohmstedter Richtlinien“ haben keine Grenzrevision möglich gemacht, wurden auch vom „Nordfriesischen Verein“ wohl als übergestülpt empfunden. Gleichwohl haben sie das Klima in Nordfriesland über Jahrzehnte vergiftet, die Nordfriesen entzweit und damit viel Kraft gekostet. Die Folgen wurden erst in den 1980er Jahren langsam überwunden. Der kurze Ausflug in die Weltpolitik machte die Nordfriesen zwar bekannt, hat ihnen aber wohl eher geschadet.
Werner Junge (0226*)
Quellen: Thomas Steensen, Die friesische Bewegung in Nordfriesland im 19. und 20. Jahrhundert (1879-1945), 2 Bände, Neumünster 1986, Karl Wachholtz Verlag, ISBN 3 529 02189 X; Thomas Steensen, Nordfriesland. Menschen von A-Z, Husum 2020, Husum Druck- und Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-96717-027-6; Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt und Ortwin Pelc (Hg.), Schleswig-Holstein Lexikon, 2. verbesserte Auflage Neumünster 2006, Wachholtz-Verlag, ISBN 10: 3-529-02441-4
Bildquellen: Johannes Schmidt-Wodder, Ölgemälde von Paul A.Weber 1936, Repro Hauke Grella, Copyright: Deutsches Museum Sonderburg; Besichtigung der Drelsdorfer Kirche am 12. September 1926, Privatsammlung Sönnich Volquardsen, Tetenbüll.