Das Sauermannhaus aus der Luft, dahinter auf dem Museumsberg das „Hans-Christiansen-Haus“

1876 verkaufte Heinrich Sauermann (*1842-1904†) seine Sammlung historischer Möbel und kunstgewerblicher Altertümer der Stadt Flensburg. Damit war das Museum gegründet, das nun auf einige Gebäude in der Stadt verstreut war. Erst zehn Jahre später wurde der Bau eines eigenen Gebäudes beschlossen. Es sollte jedoch bis 1903 dauern, bis das Haus über der Stadt fertig war. Gedacht war es von Sauermann im Ursprung als reines Kunstgewerbemuseum. Es sollte vor allem Möbel aus der vorindustriellen Zeit sammeln, als Beispiele traditionellen Handwerks. Fester Bestandteil war von 1890 an Deutschlands erste Werkstattschule. Die Schule blieb, doch mit dem Tod Heinrich Sauermanns 1904 wechselte das Ziel des Museums. Unter seinem Sohn Ernst (*1880-1956†) entwickelte sich der Museumsberg zu einem fortschrittlichen, auch auf die Kunst ausgerichteten Museum.

Heinrich Sauermann, Sammler, Bewahrer der Handwerkskunst und Museumsgründer

Von den Alten lernen

Die nach der Reichsgründung 1871 mit Macht einsetzende Industrialisierung verdrängte die bis daher regionale und handwerkliche Produktion weitgehend. Einerseits mussten immer mehr Handwerker als Arbeiter in der Industrie arbeiten. Andererseits sorgte neuer Reichtum für ein breites Bürgertum. Vor allem Gottfried Semper (*1803-1879†) stieß die Bewegung an, dem Wandel und der minderen Qualität der Industrieware etwas Neues entgegenzusetzen. Das Neue war der Historismus. Mit hoher handwerklicher Kunst sollten etwa Möbel nach historischen Vorbildern (vor allem der Renaissance) entstehen. Dafür waren – am besten mit Ausbildung verbunden – „Kunstgewerbemuseen“ zu schaffen. Genau diesem Ansatz folgte der Möbelfabrikant Heinrich Sauermann.

Es braucht seine Zeit

Von 1867 an entstanden im Kaiserreich Gewerbemuseen. Den Anfang machte Berlin, es folgten zwei Jahre danach Hamburg und Nürnberg. Bis 1890 waren es 30 Kunstgewerbemuseen. Dazu gehörte dann von 1876 an auch Flensburg, auch wenn es dort noch kein eigenes Haus gab. Unter tätiger Mithilfe des Oberbürgermeisters Wilhelm Toosbüy (*1831 – 1898†) und bürgerlicher Kreise wurde der Bau in Flensburg vorangetrieben. Der Baubeschluss lag 1886 vor, die Pläne waren 1891 fertig. Preußen gab sich zunächst zögerlich. Erst 1903 war das neue prächtige rote Backsteingebäude im nordeuropäisch-holländischen Renaissancestil geschmückt mit „vaterländischen und kunstgewerblichen Symbolen“ fertig. Nun konnte die über die Stadt verstreute Sammlung unter ein Dach ziehen.

Mehr Historismus geht nicht: Goldmedaille für das „Pariser Zimmer“

Bauernstuben und das „Pariser Zimmer“

Heinrich Sauermann hatte Repräsentationsmöbel gesammelt, aber auch sogenannte „Hausfleißkunst“ (also handwerkliche Dinge, die im Haus für den Haushalt entstehen) und ganze Stuben aus dem ländlichen Bereich. Weil es viele Einbauten wie Alkoven und Bilegger gab, wurden die Zimmer als Ganzes im neuen Museum aufgebaut. In der Werkstatt entstanden neue prächtige Möbel im Stil des Historismus, die die Wohnungen des neuen reichen Bürgertums füllten. Im Sinne der Gewerbemuseumbewegung hatten die Bürger in den Museen Qualität und Stil gelernt. Sauermann nahm an mehreren der damals populären Ausstellungen teil. Seinen Zenit erreichte er, als das im Auftrag des Deutschen Reiches gefertigte „Niederdeutsche Zimmer“ bei der Weltausstellung in Paris 1900 eine Goldmedaille errang. Seitdem steht es als „Pariser Zimmer“ auf dem Museumsberg.

Jugendstil beendet Historismus

Schon auf der Weltausstellung in Paris 1900 sorgten die ersten Exponate des Jugendstils für große Aufmerksamkeit. Heinrich Sauermann und der Historismus waren überholt. 1904 verstarb Sauermann. Sein Sohn Ernst (*1880 – 1956†) folgte als neuer Direktor auf dem Museumsberg. Er wurde zum Wegbereiter der Moderne. Hatte sein Vater eine bis heute beeindruckende Möbelsammlung angelegt, so begann Ernst Sauermann, Bilder zu sammeln. 1904 zeigte er die Ausstellung „Kunst auf dem Papier“. Werbegrafik im Museum war damals neu und gewagt. Zum ersten Mal sahen die Menschen in Flensburg die heute ikonischen Plakate des Jugendstils.

Reformspielzeug: Spielfigur „Automobil“ von August Geigenberger 1903

Reformspielzeug, Nolde, Lassen

In seinem zweiten Jahr verblüffte Ernst Sauermann mit einer Ausstellung von Reformspielzeug, das – auch etwas Neues – im Museum auch zu kaufen war. Trotz knapper Kassen versuchte er, Bilder von Emil Nolde (*1867-1956†) zu erwerben, förderte die Flensburger Künstlerin Käthe Lassen (*1880-1956†)und stellte 1907 die Künstler der Brücke aus. 1912 setze das Museum einen Akzent mit einer Bauausstellung. Sie rückte die „Heimatschutzarchitektur“ in den Mittelpunkt. Ernst Sauermann öffnete das Museum. Ein Beispiel dafür war 1908 eine Ausstellung mit sogenannter „Reformkleidung“, die durch den Verein zur Verbesserung der Frauenkleidung initiiert wurde. 

Das Ende der Ära Sauermann

1920 bot sich Ernst Sauermann die Chance, das Thaulow Museum in Kiel zu einem Landesmuseum auszubauen. 40-jährig wechselte er nach Kiel. In Flensburg wurde Walter Heinrich Dammann (*1883 – 1926†) sein Nachfolger. Er versuchte vor allem moderne Künstler zu fördern doch mangelte es ihm an Mitteln. Er verstarb jung 1926 an einer Lungenkrankheit. Nachfolger wurde Fritz S.C. Fuglsang (*1897-1961†), der schon zwei Jahre als Assistent von Ernst Sauermann in Kiel gearbeitet hatte. Er setzte die von seinen Vorgängern begonnene Umwandlung des Kunstgewerbemuseums in ein Museum für Kunst- und Kulturgeschichte um. Bis zu seinem Tod leitete er das Museum 34 Jahre. Er wirkte sehr aktiv in der Stadt und gründete unter anderem 1929 den „Kunstverein“. Nach der Grenzlandabstimmung 1920 blieb er dänischer Staatsbürger. 1937 wurden 27 Bilder und Grafiken von Emil Nolde und eine Skulptur von Ernst Barlach als „entartete Kunst“ beschlagnahmt. Das Museum musste sich nun „Grenzlandmuseum“ nennen.

Fritz Fuglsang brachte das Museum und seine Sammlung durch die kritischen NS-Jahre, und das auch aufgrund einer distanzierten Nähe zu den NS-Machthabern. Als er nach dem Krieg den weitgehend ausgelagerten Bestand zurückholte, schuf er eine Grundordnung, die weitgehend bis heute gilt. Fuglsangs Assistentin und Nachfolgerin Ellen Redlefsen (*1909-1980†) war ebenfalls nicht unbelastet. Sie bearbeitete von 1943 bis 1945 in Prag jene Kunstwerke, die „an den Staat gefallen“ waren. Als Direktorin in Flensburg amtierte sie von 1962 bis 1974. In dieser Zeit wurde viel moderne Kunst angekauft. Ellen Redlefsen arbeitete vor allem den kompletten Bestand des Museums auf, „entdeckte“ zum Beispiel im Magazin die umfangreiche Sammlung von Jugendstil-Wandteppichen, die zwischen 1896 und 1905 im dänischen Scherrebek entstanden waren. Rudolf Zöllner (*1925-1982†) folgte an der Spitze des Museums. Er versuchte trotz knapper Kassen vor allem moderne Kunst anzukaufen.

Der Museumsberg wächst

Ausschnitt aus dem Bild „Drei Frauen am Strand“ 1909 von Käthe Lassen

Bis 1997 war die von Heinrich Sauermann gegründete Werkkunstschule im Dachgeschoss auf dem Museumsberg untergebracht. Doch es wurde zunehmend eng, denn es fehlte vor allem Platz, um Kunst zu zeigen. Das änderte Ulrich Schulte-Wülver (*1944). Er hatte bei Redlefsen und Zöllner als Kustos des „Städtischen Museums für Kunst- und Kulturgeschichte für das Herzogtum Schleswig“ gearbeitet. 1983 wurde er Direktor. Ihm gelang es, die gleich neben dem Sauermannhaus damals leerstehende alte Realschule für das Museums zu übernehmen. Seitdem verfügt das Museum mit dem „Sauermann-“ und dem „Hans-Christiansen-Haus“ über eine Ausstellungsfläche von insgesamt 3.000 Quadratmetern und gehört damit zu den größten Museen in Schleswig-Holstein. Nun etablierte sich auch der Name „Museumsberg“. Seit 1999 ist das Naturwissenschaftliche Museum in dessen Erdgeschoss untergebracht. Schulte-Wülver machte den Museumsberg vor allem auch als ein Ort der Kunst bekannt. Mit einer Amtszeit von 36 Jahren als Direktor stand er länger als jeder andere an der Spitze des Museums. Mit Micheal Fuhr (*1968), der vom Wiener Leopold-Museum kam, übernahm 2009 erstmals ein Direktor den Museumsberg, der nicht dort oder bei einem Sauermann gelernt hatte.

Stand nach 150 Jahren

Die von Heinrich Sauermann begonnene Möbelsammlung gehört deutschlandweit immer noch zu einer der umfangreichsten. Dank Ernst Sauermann und seiner Nachfolger hat heute vor allem die Flensburger Kunstsammlung Bedeutung. In den Räumen und Magazinen des Museumsberges befinden sich heute über 30.000 Objekte. In den 150 Jahren seines Bestehens wurden fast 800 Sonderschauen auf dem Museumsberg gezeigt. Sieben Direktoren und eine Direktorin haben diesen Schatz in nunmehr 150 Jahren zusammengetragen und den Museumsberg zum größten kommunalen Museum in Schleswig-Holstein gemacht. 

Werner Junge (0226*)

Quellen: Malte Klein, Das Kunstgewerbemuseum Flensburg – Konzeption und Funktion eines Museums im Kaiserreich, Kiel 2007, Verlag Ludwig, ISBN 978-3-937719-68-9; Hendrik Heft, Ernst Sauermann – Wegbereiter der Moderne, Ausstellungkatalog 2023, Flensburg, Museumsberg Flensburg, ISBN 978-3-9820658-6-1; Ulrich Schulte-Wülver, Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck – Heinrich Sauermann, Band 9, Seite 118 ff. 1991, Neumünster, Wachholtz Verlag , ISBN 3 529 02649 2.

Bildquellen: Museumsberg Flensburg: Luftbild; Porträt Sauermann von 1887 von Conrad Fehr; Pariser Zimmer; Plakat Bauausstellung; Käthe Lassen: Drei Frauen am Strand; Automobil: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg