Genau 100 Jahre nach der Verabschiedung der sogenannten Bohmstedter Richtlinien hatten die Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte und der Historisk Samfund for Sønderjyyland nach Nordfriesland eingeladen. Wie vor 100 Jahren begann der Tag mit einer Führung durch die prächtig ausgemalte Drelsdorfer Kirche. Danach ging es in den Drelsdörper Krog, wo Wirtin Stephanie Freyberg für 80 Gäste eingedeckt hatte. Es blieben nur wenige Plätze frei. Nach Grußworten von Landtagsvizepräsidentin Jette Waldinger-Thiering und den beiden Vorsitzenden – Henry Bohm für den Historisk Samfund for Sønderjylland und Friedrich Rantzau für die GSHG – begeisterte Professor Dr. Thomas Steensen mit seinem Vortrag über das Entstehen und die Folgen der Bohmstedter Richtlinien. Anschließend interviewten Prof. Jørgen Kühl und Werner Junge die Vorsitzende der Friisk Foriining Marie Hahn und den Vorsitzenden des Nordfriesischen Vereins Ingwer Oldsen. Am Ende viel Applaus und Lob für eine gelungene Veranstaltung.

Landtagsvizepräsidentin Jette Waldinger-Thiering überbrachte die Grüße für das Friesengremium des Landtages. Foto: Ortwin Pelc

Großtat oder Opferung?

„Großtat des einigen Frieslands“ oder „Opferung des freien Friesentums“ – diese beiden Wertungen über die Bohmstedter Richtlinien stellte Thomas Steensen an den Anfang seines Vortrages. Er entwickelte detailreich das europäische Umfeld, stellte die Akteure vor und ließ die Zuhörer teilhaben an einem Grenzlandkrimi, der im Ergebnis die ohnehin kleine Gruppe der Nordfriesen in „Teuto-“ und „Danofriesen“ tief spaltete und bis in die 1980er Jahre nachwirkte. Das unterstrichen auch die O-Töne aus dem Archiv des NDR aus den 1970er Jahren. Die beiden Vorsitzenden Carsten Boysen für die Friisk Foriining und Dr. Andreas Reinhardt für den Nordfriesischen Verein, suchten zwar nach Verständigung, doch klang noch viel von den Gegensätzen und Vorbehalten durch. Ganz anders die aktuellen Vorsitzenden, die fröhlich zusammen ein selbstbewusstes und freundschaftliches Miteinander der beiden großen Vereine vermittelten. Das übrigens unter dem Dach des Friesenrates, dessen Vorsitzender Ingwer Nommensen aufmerksam folgte.

Professor Dr. Thomas Steensen mit der langen und spannenden Geschichte der „Bohmstedter Richtlinien“. Foto Ortwin Pelc

Aquis Submersus

Wie vor 100 Jahren begann die Versammlung in Bohmstedt mit einer Führung durch die Drelsdorfer Kirche. Seit 1910 sind dort die Wandmalereien freigelegt worden. Die Kirche strahlt heute in einer farbigen Pracht, die ihres Gleichen sucht. Nicht auf den welligen Feldsteinmauern sondern in einem Epitaph findet sich das Bild des 10-jährigen Heinrich Bonnix mit der Unterschrift „Henricus Bonnie aquis incuria servi submersus obyt“. Dieses Bild inspirierte Theodor Storm zu seiner Novelle „Aquis Submersus“. Das und vieles Spannende mehr dieser außergewöhnlichen Kirche stellte Till Zimmermann von Nordfriesland Museum Nissenhaus anschaulich vor. Im Gespräch im Kirchengestühl stellte sich heraus, dass auch Nachfahren der Maler mit dabei waren, die von 1910 an der Freilegung der alten Malerei mitgewirkt hatten.

Staunen über die Pracht der Farben und Bilder in der Drelsdorfer St.Marien- und St. Johanniskirche. Foto: Ortwin Pelc
Mit großen Gesten stellt Till Zimmermann den Altar in der Drelsdorfer Kirche vor. Foto: Werner Junge

Der Weg nach Drelsdorf

Die Idee an 100 Jahre Bohmstedter Richtlinien zu erinnern, kam vergangenes Jahr. GSHG und Historik Samfund hatten mit der gemeinsamen Tagung zu 70 Jahren Bonn-Kopenhagener Erklärung zum ersten Mal ein gemeinsames Angebot gemacht. Dabei war Thomas Steensen der Frage nachgegangen, warum 1955 bei der historischen Aussöhnung für das Grenzland die Nordriesen als Volksgruppe keine Rolle gespielt hatten. Die innere Zerstrittenheit wurde als einer der Gründe benannt. Damit waren die Bohmstedter Richtlinien als eine wesentliche Ursachen erkannt. Da lag es nahe, am 12. September 2026 an 100 Jahre Bohmstedter Richtlinien zu erinnern. Dagegen gab es auch Widerstand. „Da war doch gar nichts, das sei doch eine regionale Sache gewesen“ – manchmal erinnerte das an die Gallier, die gerne leugnen, dass Alesia passiert ist. Vortrag und Gespräch in Drelsdorf haben eindrücklich gezeigt, dass 1926 die Nordfriesen Thema der Schlagzeilen in Europa waren und der Gegensatz jahrzehntelang gespalten und behindert hat.

Wirklich gut ist das Verhältnis der lange zerstrittenen friesischen Vereine heute – betonten die Vorsitzende der Friisk Foriining Marie Hahn und der Vorsitzende des Nordfriesischen Vereins Ingwer Oldsen im Gespräch mit Jørgen Kühl und Werner Junge. Foto: Ortwin Pelc

Werner Junge (130926*)