Bei den aktuellen euphorischen Berichten über die beabsichtigte Rettung des fast liebevoll „Timmy“ genannten, weil zunächst am Timmendorfer Strand und dann in der Wismarer Bucht gestrandeten Buckelwals, kann man sich in Angeln an den am 17. März 1911 bei Westerholz gestrandeten etwa 17,5 Meter langen, männlichen Finnwal erinnern. Doch während sich heute ganz Deutschland rührend um den Wal sorgt, ging man vor 115 Jahren ziemlich ruppig mit dem Tier um. Es wurde auf eine Sandbank gejagt, galt als Beute und wurde gewaltsam getötet. Der tote Wal lockte tausende Schaulustige an die Küste.
Walfischjagd Version 1
In einem Zeitungsbericht aus dem Jahre 1911 heißt es unter der Überschrift „Walfischjagd auf der Flensburger Föhrde“: „In der letzten Zeit ist an vielen Punkten der schleswig-holsteinischen Küste ein großer Walfisch aufgetaucht und hat die Uferbewohner in Schrecken versetzt. So ungefährlich das Riesentier im Allgemeinen ist, kann es doch in den seichten Küstengewässern den Fischern ernsten Schaden zufügen. Die Klagen der Bevölkerung führten dazu, daß Fahrzeuge der Kriegsmarine zur Jagd auf den unglücklichen Wal auszogen. Der Koloß wurde durch Schüsse verletzt und strandete dann auf einer zwischen Osterholz und Westerholz gelegenen Sandbank, etwa achtzig Meter vom Ufer. Da das Tier noch nicht tot war, wurde von dem Kriegsschiff „Württemberg“ eine Dampfbarkasse entsendet. Eine Sprengpatrone, die in das Maul des Walfisches gesteckt wurde, machten dann seinem Leben ein Ende. Nun versuchte man den zwanzig Meter langen und drei Meter hohen Kadaver wegzuschleppen, das gelang aber nicht, und man mußte daran gehen, ihn an Ort und Stelle zu zerlegen. – Das riesige Tier gehörte zur Gattung der sogernannten Grönlandswale, die im Norden des Atlantischen Ozeans vorkommen, sich aber nur höchst selten in die deutschen Meere verirren“.

Walfischjagd Version 2
Nach einem anderen Bericht handelt es um einen etwa 17,5 Meter langen männlichen Finnwal, der schon am 4. März 1911 in der Binzer Bucht gesehen worden war. Er „beunruhigte“ die Gewässer der Ostsee zwischen Apenrade, Eckernförde und Flensburg, und wurde von der Kaiserlichen Marine vergeblich bejagt und beschossen. Endlich konnten Langballigauer Fischer ihn mit ihren Booten den Rückzug ins tiefere Wasser versperren und vor Westerholz an Land treiben, wo er in der Nacht vom 16. auf den 17. März strandete. In einem zeitgenössischen Bericht heißt es: „Der erste Fischer, der das Tier entdeckte, brachte gleich neben dem Wal eine Netzboje aus, um seine Besitzansprüche zu unterstreichen. Ein zweiter Mann, der dort vorbeikam, rammte dem noch lebenden Wal eine Mistforke in den Leib, um zu bekunden, daß er der wahre Finder und Besitzer sei. Getötet wurde der Wal dadurch, daß man vom Schlepper „Adler“ eine Granatharpune auf das Tier abschoss.“
Kadaver Tourismus

Über 2000 Menschen strömten in den folgenden zwei Wochen per Pferd und Wagen oder mit Extradampfern aus Flensburg, Kiel und Nordschleswig herbei und bestaunten den Kadaver. Die Flensburger Kreisbahn setzte Sonderzüge der „Spule“ und sogar Viehwagen zur Personenbeförderung ein und konnte vom Gewinn zwei richtige, nun „Walfisch-Lokomotiven“ kaufen. Bald darauf machte man sich daran, den schon in Verwesung übergegangenen Wal zu zerlegen und die Teile mit Schuten nach Sonderburg zu bringen. Auch dort stellten sich immer noch viele Schaulustige ein, die sich an Verkaufsständen mit Obst und Getränken erfrischen konnten. Schon nach wenigen Wochen waren die letzten Spuren des Wals verschwunden, und man konnte nur noch mit einem Foto „Fröhliche Ostern“ wünschen. Das Skelett soll später in Sonderburg ausgestellt worden und dann in ein Museum in Hannover gelangt sein, zwei Barten soll das Flensburger Museum erhalten haben. Zunächst erinnerte eine Schiefertafel mit einer Inschrift, seither ein Felsen mit den Umrissen eines Wales und dem Datum 17.3.1911 an dieses Ereignis.
Bernhard Asmussen (19.04.2026*)
Quellen: Zeitungsberichte „Flensburger Nachrichten“ ohne Datum; diverse Berichte in der Zeitschrift FLUKE – Arbeitsgruppe Wale; Peter Lüsebrink, „Der Finnwal von Westerholz“, in: Wovon ist die Ostsee so blau? 1987; Helmut Tiemer: Strandung des Finnwals am 17. März 1911 bei Westerholz, Jahrbuch Angeln 1975; Archiv Bernhard Asmussen