1953 erregte Jürgen Spanuth (*1907–1998†) sogar in Amerika öffentliche Aufmerksamkeit. Der evangelische Pastor aus dem nordfriesischen Ort Bordelum bei Bredstedt veröffentlichte sein Buch „Das enträtselte Atlantis“. Die sagenhafte Insel Platons sollte demnach bei Helgoland liegen. Spanuth legte dafür archäologische Beweise vor und verwies auf schriftliche Quellen. Zusammen wurde das bei Spanuth eine Atlantis-Theorie, die viele in ihren Bann zog, jedoch von der etablierten Wissenschaft rundheraus abgelehnt wurde. Sein Gedankengut wurde zunehmend vor allem in politisch rechten Kreisen zitiert und bis heute weitergetragen.
Sohn einer Pastorenfamilie
Geboren wurde Jürgen Spanuth 1907 in Loeben in der Obersteiermark. Sein Vater war dort Landesuperintendent für die Steiermark. Früh engagierte sich Spanuth politisch. Er studierte Theologie in Tübingen, Kiel und Wien. 1931 trat er mit 24 Jahren in die NSDAP ein. 1933 wurde er Pastor im nordfriesischen Bordelum. Im gleichen Jahr trat er bei den „Deutschen Christen“ ein, die ihre Aufgabe darin sahen, die Ziele der NSDAP in der evangelischen Kirche zu realisieren.
Vom Stollberg zu Atlantis
In Nordfriesland sind nur der Sandesberg bei Ostenfeld (54 Meter) und auf Sylt die Uwe-Düne (52,50 Meter) bei Kampen höher als der Stollberg mit 42 Metern in der Gemeinde Bordelum über der Bredstedter Bucht. Dieser Platz war für Jürgen Spanuth das „alte friesische Zentralheiligtum“. Mit dieser Erkenntnis ging Spanuth 1938 an die Öffentlichkeit. Er war jedoch längst mit anderem befasst. Wie Heinrich Schliemann (*1827-1890†) auf der Suche nach Troja Homer folgte, glaubte Spanuth, durch die Kritias- und Timaios-Dialoge von Platon (*428/427 v. Chr-348/347 v.Chr.†) das Geheimnis um Atlantis lüften zu können.
Der Beweis scheint zu gelingen
Neben den literarisch philosophischen Quellen, die von Platon überliefert wurden, suchte Spanuth auch nach einem archäologischen Beweis für seine These, dass Atlantis bei Helgoland lag. Die erste Expedition 1950 scheiterte. Erst 1952 konnte Spanuth bei Helgoland tauchen lassen. Dabei wurden Formationen gefunden, die als Mauern gedeutet werden konnten. Obwohl die Taucher keine archäologische Vorbildung hatten, war damit für Spanuth klar: Er hatte Atlantis vor Helgoland gefunden. Selbst die amerikanische Nachrichtenagentur ap vermeldete den Fund. 1953 erschien sein Buch „Das enträtselte Atlantis“. Es wurde sofort zum Bestseller und bald in mehrere Sprachen übersetzt.
Sensation oder Phantasterei
Als der Bordelumer Pastor durch Gasthäuser und Gemeindesäle zog und das neugierige Publikum mit seiner Atlantis-Geschichte in Bann zog, wuchs auch das Medieninteresse. Das rief die Fachwelt auf den Plan, sich mit Spanuth auseinanderzusetzen. Schon seine Thesen zum Stollberg waren kritisiert worden. Nun meldete sich der angesehene und auch streitbare Geologe Karl Gripp (*1891-1985†) von der Christian-Albrechts-Universität zu Wort. Er bezeichnete Spanuths Atlantis-These als „haltlose Phantasterei“. Andere Fachkollegen wiesen auf zahlreiche Widersprüche und Fehler in der Argumentation Spannuths hin. Noch 1953 gab es auf Schloss Gottorf ein Symposium. Dort nahmen Geologen, Archäologen, Historiker und Altertumsforschen Spanuths Thesen auseinander. Da es keine öffentliche Veranstaltung war, wirkte die eine Woche danach in der der Christian-Albrechts-Universität mit 1.000 Zuhörenden ausgerichtete für sehr viel Aufsehen. Spanuth wollte dort von seinen Thesen überzeugen. Das gelang nicht. Er führte das darauf zurück, man habe ihn heimlich sediert, also ruhiggestellt.

Ein Mythos lebt weiter
Das Urteil der Fachwelt war eindeutig: Spanuths Atlantis bei Helgoland war wissenschaftlich nicht haltbar. Spanuth und seine Anhänge werteten diesen Widerstand als Beweis der Sprengkraft der Atlantis-bei-Helgoland-These. Sie wähnten ein von Karl Gripp organisiertes Kartell gegen Spanuth. Der suchte ursprünglich noch die Nähe zur etablierten Wissenschaft. Das Land Schleswig-Holstein unterstützte sogar seine Expeditionen. Doch durch die Zurückweisung durch die etablierte Wissenschaft stilisierte sich Spanuth als systemkritischer Außenseiter. Bei seinen Anhängern erhielt er die Aura eines Märtyrers. Seine These vertrat er bis zu seinem Tod 1998; bis in die 1990er Jahre veröffentlichte er noch Bücher, die sie stützen sollten. Während er in der Fachwissenschaft keine Rolle mehr spielte, wurden seine Bücher immer wieder aufgelegt, vor allem durch Verlage, die dem rechtsextremen oder esoterischen Milieu verbunden sind. Der Mythos Atlantis oder Spanuth scheinen in einer Zeit wachsender Skepsis an der Wissenschaft und den staatlichen Institutionen eine besondere Anziehungskraft auszustrahlen.
Werner Junge (0426*)
Quellen: Stefan Magnussen, Der Mann, das Meer und der Mythos, in „Mensch & Meer“, Themenheft IX, Schleswig-Holstein – Die Kulturzeitschrift für den Norden, S.107 ff, Bosau, ISBN 978-3-946609-10-0; Thomas Steensen, Nordfriesland Menschen von A-Z, S. 428 f, 2020, Husum, Husum Druck und Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-96717-027-6; Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein, https://www.schleswig-holstein.de/DE/landesregierung/ministerien-behoerden/ALSH/_startseite/2025/2025_atlantis/atlantis_spanuth
Bildquellen: Titel Onlinebuchmarkt; Zeitungsartikel aus „Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein“, Atlantis Enträtselt? Eine These der Lokalisierung von Atlantis vor Helgoland, 19.05.2026.
