Seit Edvard Jenner am 14. Mai 1776 den achtjährigen James Phipp gegen Pocken impfte gilt er als der Pionier dieses Verfahrens. Aber auch in Schleswig-Holstein wurde schon davor gegen die Blattern „geritzt“

Kampf einer schlimmen Krankheit

Am Ende des 18. Jahrhunderts wurden große Teile der Bevölkerung Europas durch Pockenepidemien hingerafft. Die auch „Blattern“ genannte Krankheit ließ die Menschen auch erblinden, führte zur Taubheit und zu Lähmungen. Seit den 1790er Jahren wurden die Pocken in den Herzogtümern erfolgreich durch Impfen bekämpft. Als Vater der Pockenschutzimpfung gilt allgemein der Brite Edvard Jenner (*1749-1883†), der am 14. Mai 1796 erstmals impfte. Dass es möglich war, mit Abstrichen von für den Menschen harmlosen Kuhpocken gegen die gefährlichen Menschenpocken zu immunisieren, war jedoch schon lange vor Jenner bekannt. In den Herzogtümern wurde dies erstmals durch den Hauslehrer Peter Plett (*1766-1823†) schon 1791 auf Hasselburg im Gut Wittenberg an der Neustädter Bucht probiert. Nach anfänglichem Zögern und Widerständen wurde der Wert der Impfung oder Vakzination in den Folgejahren schnell erkannt. 1805 wurde in Altona ein „Vaccinationsinstitut“ eröffnet, 1812 folgte ein zweites in Kiel. Seit 1811 war die Pockenimpfung in den Herzogtümern obligatorisch.

Milchmädchen haben keine Pocken

Alle Geschichten um die Pockenschutzimpfung beginnen im Kuhstall. Plett wie auch Jenner hörten davon, dass Kuhmägde und Melkerinnen sich mit den für Menschen harmlosen Kuhpocken infizierten und danach gegen die gefährlichen Blattern immun waren. Plett erfuhr es 1790 auf seiner ersten Hauslehrerstelle. 1791 wechselt er nach Hasselburg und impfte dort heimlich die drei Kinder des Gutspächters Martini. Plett ritzte dafür mit einem Federmesser eine kleine Wunde zwischen Daumen und Zeigefinder. Auf einem Holzspan hatte er Lymphe aus Kuhpocken gesammelt, die er in die Wunden strich. Die Kinder überstanden die kleine Operation ohne Probleme. Als 1794 an der Neustädter Bucht die Blattern ausbrachen, blieben die drei Geimpften von der Epidemie verschont. Plett meldete das dem Gesundheitsamt in Kiel. Seine Hinweise wurden jedoch zunächst nicht beachtet.

Peter Plett wird gehört

1801 traf den Mediziner Friedrich Adolph Heintze (*1768-1832†) und seine Frau Henriette auf Gut Schwartenbeck bei Kiel ein schwerer Schlag: der Sohn starb an Pocken. Seit 1791 lehrte Heintze als Privatdozent Geburtshilfe. Durch das eigene Schicksal angetrieben und in Kenntnis der Berichte über Jenner aus Großbritannien bekam er von der Christian-Albrechts-Universität den Auftrag, sich über die Pockenschutzimpfung zu informieren. So interviewte Heintze dann auch Peter Plett, um von dessen Erfahrungen zu profitieren. Der Bericht von Heintze wurde umgehend von der Universität veröffentlicht. Im Frühjahr 1802 impfte er zusammen mit Pastor Johann Georg Schmidt (*1763-1820†) in der Probstei fast 1.000 Kinder kostenlos mit der Kuhpockenlymphe. Schmidt erhielt dabei Hilfe durch Peter Plett, den er als Lehrer in die Probstei geholt hatte. 

Impfpass 1811

1805 schon wurde in Altona das „Vaccinationsinstitut“ gegründet. Aufgabe war es unter anderem, Vorräte an Kuhpockenlymphe anzulegen und an Mediziner abzugeben sowie durch die Physici (Stadtärzte mit Aufgaben, die heute von Gesundheitsämtern erfüllt werden) „gebildete Einwohner“ im Impfen zu unterweisen. 1812 folgte ein Institut in Kiel und seit 1811 bestand in den Herzogtümern eine Impfpflicht gegen Pocken. Die Impfenden stellten sogenannte „Vaccinations-Atteste“ aus, also Impfpässe. Mit der Impfpflicht endeten die Pockenepidemien in Schleswig-Holstein schlagartig. Erst in Folge des deutsch-französischen Krieges 1870/71 brach erneut eine größere Epidemie aus, die mit 1.631 Todesfällen vor allem in Holstein weit über dem Durchschnitt im Deutschen Reich lag. 

Deutschland wird pockenfrei

1874 und 1875 wurden die Impfvorschriften im Reich, in Preußen und für Holstein weiter präzisiert und verbessert. Vor allem die nun ebenfalls obligatorische Wiederimpfung nach dem 12. Lebensjahr und eine bessere Organisation führten dazu, dass – abgesehen von einem kurzen Aufflammen der Pocken in den Kriegsjahren 1916/17 – die schlimme Krankheit in Deutschland als besiegt galt. Durch die weltweite Intensivierung im Kampf gegen die Pocken erklärte die Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (WHO) die ganze Welt 1979 für pockenfrei.

-ju- (1022*)

Quellen: Franklin Kopitzsch, „Die Durchsetzung der Pockenimpfung. Zu Strategien und Mitteln aufgeklärter Reformen in Hamburg und Schleswig-Holstein“, In: Anne Conrad, Arno Herzig, Franklin Kopitzsch (Hg.): Das Volk im Visier der Aufklärung, Hamburg 1998, S. 229-237“;Reimer Hansen (S. 474), Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt (S. 594), in: Schleswig-Holstein Lexikon, hgg. von Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt und Ortwin Pelc, Wachholtz Verlag, Neumünster 2000, ISBN 3-529-02441-4; Joachim Nitschke, Peter Plett, in: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck, Bd. 6, S. 219, Neumünster 1982, Wachholtz Verlag, ISBN 3 5290 2645 X.

Bildquellen: Edvard Jenner impft – Gemälde von Ernest Board (Wikipedia gemeinfrei).