Zuhören, Mitdenken: Lianne Paulina-Mürl – Schleswig-Holsteins erste Landtagspräsidentin 1990

“Verehrte Herren und Damen”

Sie machte Eindruck – keine Frage! Und man hörte ihr zu: Lianne Paulina-Mürl (*1944-1992†) war nicht nur die erste Präsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtages (1987-1992) und beendete damit die lange Reihe männlicher Amtsinhaber; sie war auch eine der einflussreichsten Landespolitikerinnen ihrer Zeit. Sie galt als sozial, kraftvoll und pragmatisch – immer als überzeugte Parlamentarierin und Streiterin für Frauenrechte. Dass sie ihre erste präsidiale Ansprache mit der Anrede “Verehrte Herren und Damen!” eröffnete, war ein Zeichen des anderen Stils, mit dem sie Amt und Arbeit prägte. 

Beginn einer neuen Zeit

Eigentlich als Frauenministerin im Schattenkabinett von Björn Engholm vorgesehen, übernahm Lianne Paulina-Mürl das Präsidentinnenamt nach der Landtagswahl 1987 am 2. Oktober unter schwierigsten Umständen. Die Ereignisse um den ehemaligen Ministerpräsidenten Uwe Barschel erschütterten Parlament, Regierung und Öffentlichkeit. Sehr schnell stellte sich die neue Präsidentin auf die politische Krise ein, regte Neuwahlen für 1988 an und wurde dann erneut mit großer parlamentarischer Mehrheit im Amt bestätigt. Als Vorsitzende der Enquete-Kommission des Landtages “Verfassungs- und Parlamentsreform” prägte sie maßgeblich die Inhalte der neuen Landesverfassung. Diese stärkte nicht nur Abgeordnete und Parlament, sondern auch den Schutz und die Rechte der nationalen Minderheiten und Volksgruppen. Die Gleichstellung von Mann und Frau wurde Staatsziel. Erstmals wurden Volksbegehren und Volksentscheide erlaubt und die Ausschüsse des Landtages tagten nun öffentlich. Damit löste die Verfassung 1990 die seit 1947 geltende “provisorische” Landessatzung ab. Es war eine der modernsten in der Bundesrepublik Deutschland und galt als Vorbild für die Verfassungsdiskussion in den neuen Bundesländern. 

Einsatz für die deutsche Einheit

Paulina-Mürl engagierte sich sehr im deutschen Vereinigungsprozess. So nahm sie als eine von zwei gewählten Vertretern der deutschen Landesparlamente an den Sitzungen des “Ausschusses Deutsche Einheit” des Bundestages in Bonn teil. Dort stärkte sie insbesondere die Länder in der neuen Struktur der Republik. Ihre Initiative, den Minderheitenschutz – wie in Schleswig-Holstein – auch im Grundgesetz festzuschreiben, fand im Bundestag allerdings keine Mehrheit. Zwischen den Parlamenten von Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Brandenburg organisierte sie einen politischen Austausch. Paulina-Mürls Verwaltung unterstützte das Nachbarland Mecklenburg-Vorpommern sowohl in der Hauptstadtfrage als auch beim Aufbau des neuen Landesparlamentes

Neuer Wind im Landeshaus

Der neue soziale Stil der Präsidentin wurde sichtbar: Sie öffnete die Türen des Landeshauses in Kiel für Kunst und Kultur. Atelierbesuche und Veranstaltungen im Landeshaus schufen eine neue, demokratisch-kulturelle Atmosphäre. Die von ihr initiierten “Tage der offenen Tür” im Parlament stießen auf sehr großes Interesse. Das Landeshaus als Haus der Bürgerinnen und Bürger – das war ihr Ziel. 1987 übernahm Paulina-Mürl den Vorsitz des Landtag-Gremiums, das sich mit der deutschen Minderheit in Nordschleswig befasst, gründete das “Friesen-Gremium” und führte kontinuierlich Gespräche mit der Gruppe der Sinti und Roma sowie der dänischen Minderheit im Landesteil Schleswig. Paulina-Mürl besuchte die sorbische Volksgruppe in Brandenburg/ Sachsen und legte damit die Basis für eine neue bundesweite Minderheiten- und Volksgruppenpolitik. Um den Erhalt und die Pflege des Plattdeutschen abzusichern, initiierte sie 1991/92 erstmals einen Beirat beim Landtag.

Fröhliche Aktionskünstlerinnen im Landhaus

Mare Baltikum

Ein weiterer Schwerpunkt der SPD-Politikerin war Europa und der Ostseeraum. Bundesweite Zustimmung – leider nicht vom deutschen Außenminister Dietrich Genscher (*1927-2016†) –  erfuhr die Präsidentin, als sie zur Kieler Woche 1991 mutig die Präsidenten von Estland, Litauen und Lettland nach Kiel einlud und auch begrüßen konnte; Länder, die sich zu diesem Zeitpunkt unter größten Problemen von der Sowjetunion loslösten. Die Einladung galt den Parlamenten der baltischen Länder, wurde aber als starkes Signal der Anerkennung wahrgenommen und schuf die Basis für die Kooperation mit Schleswig-Holstein. 

Von Westpreußen an die Förde

Lianne Paulina-Mürl wurde am 18. September 1944 in Bühlau/Westpreußen geboren. Die Familie musste in den Wirren des Zweiten Weltkrieges fliehen. Nach dem Abitur 1964 studierte sie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Rechts- und Staatswissenschaften. Sie beendete ihr Studium als Diplom-Volkswirtin. Seit 1972 lebte sie mit ihrer Familie (ein Sohn, eine Tochter) in Kronshagen und engagierte sich dort unter anderem als stellvertretene Bürgervorsteherin. Sie übernahm in der SPD Vorstandspositionen auf Landesebene (u.a. den stellvertretenen Landesvorsitz) und zog 1983 für den Wahlkreis Eckernförde in den Schleswig-Holsteinischen Landtag ein. Sehr engagiert kümmerte sie sich um die Betreuung ihres Wahlkreises. Das in der Wahl vom April 1992 errungene direkte Mandat musste sie aber kurze Zeit später niederlegen: Eine schwere Krebserkrankung zwang sie zum Rückzug aus der Politik. Am 27. Juli 1992 starb Lianne Paulina-Mürl im Alter von nur 47 Jahren in Kronshagen.

Eine politische Präsidentin

Lianne Paulina-Mürl

Sie war “eine politische Präsidentin” ohne “dabei die gebotene Neutralität zu verletzen” – so bilanzierten die Kieler Nachrichten im April 1992 den Abschied und der “Holsteinische Courier” titelte: Die Politik “verneigt sich vor einer bemerkenswerten Frau”. Lianne Paulina-Mürl war die erste Landtagspräsidentin Schleswig-Holsteins. Sie hat aus dem Parlament ein offenes Landeshaus geformt, in dem sich das Land in seiner ganzen kulturellen und sozialen Vielfalt wiederfinden konnte: ein Haus der Bürger und – ganz wie sie es gewollt hatte – der Bürgerinnen.   

Rolf Fischer (1222*)

(Un)Sichtbar – Frauen in der SH Geschichte

…..ist der Titel einer Serie von zwölf Lebensgeschichten mit denen die Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte zum 4. „Tag der Schleswig-Holsteinischen Geschichte“ mit diesem Thema am 2. September 2023 ins Schloss Reinbek führen wird. Die Großveranstaltung steht für alle historisch Interessierten im Land offen und wird vorrangig von der Arbeitsgemeinschaft Frauen der GSHG vorbereitet. Ansprechpartnerin ist die Historikerin und Schriftführerin der Gesellschaft Dr. Melanie Greinert. Alle Porträts werden zum 4. Tag der Schleswig-Holsteinischen Geschichte am 2. September auch im Tagungsband nachzulesen sein, der von „Schleswig-Holstein – der Kulturzeitschrift für den Norden“ frisch gedruckt in Reinbek vorliegen soll.  In der sechsten Lebensgeschichte wird mit der SPD-Politikerin Lianne Paulina-Mürl die erste Landtagspräsidentin Schleswig-Holsteins vorgestellt.

Literatur: Landtagsinformationssystem Schleswig-Holstein; Parlamentszeitschrift “Der Landtag”; https://www.spd-kronshagen.de/2019/09/28/lianne-paulina-muerl-eine-ungewoehnliche-frau/

Medienberichte 

Bildnachweise: alles Fotos sind aus dem Privatbesitz von Rolf Fischer