Jann-Thorge Thöming mit dem Nachwuchspreis 2020

Für den Nachwuchspreis 2020 wurde im Rahmen des Tages der Schleswig-holsteinischen Geschichte am 21.August 2021 gesagt:

Die Auswahl unter den im Jahr 2020 eingereichten Arbeiten zum Nachwuchspreis der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte war besonders schwierig, da insgesamt sieben qualitativ hochwertige Arbeiten eingereicht worden waren, von denen in einem zweiten Bewertungsschritt vier in die engere Wahl kamen.

Dennoch ist die Entscheidung einstimmig gefallen, und der Preis wird Jann-Thorge Thöming für seine Untersuchung „Bahnhofsmission Büchen“ . Ein Spalt im Eisernen Vorhangzuerkannt.

Herzlichen Glückwunsch!

Jann-ThorgeThöming hat sich in seiner zeitgeschichtlichen Untersuchung mit der Bahnhofsmission auf dem innerdeutschen Grenzbahnhof Büchen in den Jahren 1956/57 bis 1990 beschäftigt. Büchen war für den Reiseverkehr zwischen der DDR und der Bundesreplik Symbol der deutschen Teilung und gleichzeitig das Tor zum Westen für Kriegsheimkehrer und Aussiedler in den 1950er Jahren und später für Rentner aus der DDR, die eine Reiseerlaubnis in den Westen erhielten. Die Arbeit der Bahnhofsmission hatte durch die Verteilung von Kaffee und Obst einen fürsorglichen Aspekt, war zugleich aber auch ein Willkommensgruß des freien Westens.  

Jann-Thorge Thöming ordnet die Bahnhofsmission Büchen zunächst in den sozialgeschichtlichen Kontext ein, ehe er zum Schwerpunkt seiner Arbeit gelangt, der die Jahre 1956/57 bis 1990 beschreibt. Zuvor hatte es am Grenzbahnhof Büchen zwischen der sowjetischen und der britischen Zone schon seit Kriegsende eine vorwiegend vom Roten Kreuz getragene soziale Arbeit gegeben. Für seinen Untersuchungszeitraum kann der Autor auf eine hervorragende Quelle zurückgreifen, die annähernd über den gesamten Zeitraum von der Leiterin der Bahnhofsmission verfasst worden ist. 

Thöming stellt die Gruppen, die in der Bahnhofsmission betreut wurden, sehr anschaulich dar und hebt eine Reihe von Ereignissen besonders heraus, die des historischen Erinnerns wert sind. Sehr eindringlich ist die Schilderung eines Vorfalls, bei dem polnische Behörden 1959 einem Aussiedlertransport aus Polen zusätzlich Wagen mit 331 Sinti und Roma anhängten; im Verlauf dieses Ereignisses tritt der notorische Antiziganismus in Polen, der DDR und der Bundesrepublik deutlich hervor. 

Einen interessanten Aspekt bei der Arbeit der Bahnhofsmission Büchen stellt die Betreuung des  Reichsbahn-Personals der DDR dar, das beim Lokwechsel von der Bahnhofsmission mit Kaffee und vielen Dingen darüber hinaus, auch mit Geschenken für die Familie, versorgt wurde. 

Seine ganz besondere Bedeutung hatte der Grenzbahnhof Büchen aber nach Grenzschließung durch die DDR 1961 und der in langen Verhandlungen erfolgten Genehmigung von Rentnerreisen aus der DDR in die Bundesrepublik ab 1964. Die Bilder ankommender Rentner und die Begrüßung durch die Damen der Bahnhofsmission sind Teil der kollektiven Erinnerung an die deutsche Teilung. Büchen wurde zum gesellschaftlichen Aushängeschild der Bundesrepublik, hier wurde der Bohnenkaffee aus den großen Kannen der Bahnhofsmission zusammen mit Bananen und Südfrüchten zum Zeichen der wirtschaftlichen Stärke und Überlegenheit des westlichen Systems. 

Die Arbeit von Jann-Thorge Thöming ist insgesamt eine hochinteressante, gut lesbare Studie, die durch Quellenbestände z.B. der ersten und langjährigen Leiterin Friedegard Belusa von hoher Anschaulichkeit ist. Darüber hinaus hat er eine Vielzahl von Material unterschiedlicher Provenienz, etwa aus dem Archiv der Nordkirche, herangezogen.

Die Geschichte der Bahnhofsmission Büchen ist ein wichtige Beitrag zur schleswig-holsteinischen Nachkriegsgeschichte – einer Geschichte, die sich in der Zeit des Eisernen Vorhangs auch an der Grenze der beiden politischen Blöcke und des großen Systemkonflikts des 20. Jahrhunderts abgespielt hat. Die Arbeit von Jann-Thorge Thöming überzeugt nicht nur wissenschaftlich, sondern spricht auch emotional an.

(Die Arbeit liegt gedruckt vor: Jann-ThorgeThöming, Bahnhofsmission Büchen. Ein Spalt im Eisernen Vorhang. Kieler Werkstücke 55, 2020)