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Verena Meier erhielt den Nachwuchspreis der GSHG 2021 Foto: privat

Laudator Thomas Steensen: Der Nachwuchspreis des Jahres 2021 wird Frau Verena Meier für ihre Arbeit ”Das Lager und die Gedenkstätte für sowjetische Kriegsgefangene in Gudendorf“ verliehen – herzlichen Glückwunsch!

Verena Meier hat sich mit einer Arbeit um den Preis beworben, die als Bd. 1 der Schriftenreihe zur Erinnerungskultur in Norddeutschland, herausgegeben von der Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten seit Mai dieses Jahres gedruckt vorliegt.

Mit ihren 344 Druckseiten, einem umfangreichen Anhang und einem beeindruckenden Quellen- und Literaturverzeichnis stellt diese Arbeit eine bemerkenswerte Leistung im Rahmen des Nachwuchspreises der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte dar. 

Frau Meier ist seit 2018 Doktorandin an der Forschungsstelle Antiziganismus der Universität Heidelberg, wo sie auch seit 2009 studiert. Sie hat das Erste Staatsexamen für Gymnasiallehramt für die Fächer Geschichte, Englisch, Philosophie und Kunstgeschichte 2016 und 2019 abgelegt.

Die Arbeit stellt eine breit recherchierte Studie dar, die den vorhanden Forschungsstand, vor allem  Gerhard Hoch und Martin Giezelt seit den 1980er Jahren, fundiert erweitert und beispielsweise durch Quellen aus staatlichen Archiven in Moskau ergänzt.

Der Ursprung des Lagers Gudendorf lag in einem Luftwaffenlager mit Flugplatz aus dem Jahre 1939. In den folgenden Jahren wurde Gudendorf zu einem Gefangenenlager für französische und russische Kriegsgefangene. In den für die sowjetischen Kriegsgefangenen vorgesehenen ”Russenlager” wurden die Grundbedürfnisse der Gefangenen weitgehend ignoriert, was zu einem ersten Massensterben im Winter 1941/42 führte. Nur mit Blick auf die Erhaltung der Arbeitskraft wurden die Nahrungsmittelrationen bei Arbeitseinsätzen vergrößert. 

Krankheit und Tod waren allgegenwärtig, als das sowjetische Kriegsgefangenenlager Heidkaten mit seinem erweiterten Krankenrevier nach Gudendorf verlegt wurde und zur Behandlung von Erkrankten aus Arbeitskommandos aus ganz Schleswig-Holstein und Hamburg diente. Dadurch und aufgrund der Tatsache, dass nach dem Zweiten Weltkrieg verstorbene sowjetische Kriegsgefangene nach Gudendorf umgebettet wurden, reicht die Bedeutung dieses Lagers als Erinnerungsortes weit über den lokalen Bereich hinaus. 

Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Geschichte des Gefangenenlagers und des erweiterten Krankenreviers. Die Autorin konnte das überlieferte Krankenbuch auswerten und betont, dass es oberstes Ziel war, erkrankte Gefangene schnell wieder dem Gefangenenlager zuzustellen. ””Sterben lassen” war also nicht das oberste Ziel, sondern die Erhaltung der Arbeitskraft”, stellt sie fest. Damit war das Lager kein – wie in früheren Forschungen festgestellt worden war – ”Sterbelager”.

Ein fast ebenso umfangreicher Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Erinnerungskultur. In deren erster Phase (1945-1949) errichteten die britische Regierung und die sowjetische Militärkommission ein Ehrenmal an die verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen. In einer zweiten Phase (1949-1983) wurde Gudendorf zum zentralen Begräbnisplatz für Umbettungen sowjetischer Kriegsgefangener, für die 1961 ein neues Denkmal aufgestellt wurde. Wobei in beiden Phasen die Geschichtsbilder und Geschichtspolitik der jeweiligen weltpolitischen Lage wesentlichen Einfluss auf die Denkmalgestaltung nahmen. 

Durch das Entstehen der Friedensbewegung der 1980er Jahre kam es, zusammen mit der lokalen Geschichtserforschung, 1983 zur Gründung der Initiative ”Blumen für Gudendorf”. Verena Meier analysiert die Geschichtsbilder, die jeweils hinter der Erinnerungskultur standen.

Mit dieser Arbeit würdigt die Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte eine mustergültig durchgearbeitete Untersuchung – umfangreich, detailliert und sorgfältig recherchiert –, die vom wissenschaftlichen Zugang, der Quellentiefe und Literaturrecherche sowie selbstverständlich auch der sprachlichen Qualität hervorragend ist.